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 Betreff des Beitrags: Das zweite Drittel ist rum - Fortsetzung der Fazit-Trilogie
BeitragVerfasst: So, 15 Aug, 2010 10:12 
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Als ich Ende Februar das "Erste Fazit" meiner Job-Entsendung nach Göteborg geschrieben hatte, kam überraschend viel (positives) Feedback. Also will ich mit der Fortsetzung nicht hinter dem Berg halten. Weitere 6 Monate sind vergangen, ich habe einiges erlebt und kann wohl auch die eine oder andere Erkenntnis als bestätigt sehen oder revidieren. Diesmal vielleicht eher chronologisch.

Zuerst einmal habe ich im März einen Face-to-Face-Kurs Schwedisch belegt und hatte eine sehr nette Lehrerin. Sie hat mich nicht nur in die Sprache sondern auch in das "Do and Don't" in Schweden eingeführt. Die dabei erworbene Fähigkeit, schwedisch zu lesen und zu verstehen, hilft mir seither doch ausgesprochen gut. Insbesondere war ich auch in der Lage, dem Kommentar der WM-Fußballspiele im SVT weitgehend zu folgen - sowas ist doch von höchster Wichtigkeit.
Den letzten Schritt zum Sprechen habe ich leider bisher noch verpasst, doch dazu später mehr...

Der Winter war diesmal extrem lang und kalt. Mitte März gab es ein erstes zaghaftes Frühlingserwachen, aber das war es dann auch. Im April wurde ich dann aus meinem Schwedenleben gerissen. Eine 2-Tages-Dienstreise nach Wien endete wegen eines Vulkans in Island damit, dass ich mich per Bahn und Bus heim ins Schwabenländle durchschlug und bis zum Beginn unseres geplanten Schottland-Urlaubs bei meiner Frau sein und Home-Office arbeiten konnte. Ich habe die Vulkanasche genossen, soviel gebe ich zu.
Unser Schottland-Urlaub war toll (Details gehören nicht hierher), aber er endete kurz nach unserer Rückkehr für mich leider damit, dass ein Nierenstein mir 3 Operationen und 2 Krankenhausaufenthalte in Deutschland bis Mitte Juni verschaffte. Ich hatte Schweden am 14. April Richtung Wien verlassen und kam einige Kilo leichter am 15. Juni wieder hier an. Mein Apartment war gut verstaubt und im Kühlschrank lebte es. Ich kann also über das Frühjahr in Schweden rein gar nichts berichten. Der o.g. Schritt zum schwedisch Sprechen fiel genau diesem Umstand ebenfalls zum Opfer.

Aber ich kam genau richtig, um die Hochzeitsparty des Königshauses zu erleben und eine Woche später war Midsommar. Was gibt es dazu zu sagen...
Mir war es in der Zwischenzeit gelungen, doch einigen Anschluss an schwedische Kollegen zu finden. Das gipfelte in der Ehre, zu einer Midsommar-Party eingeladen zu werden - ich verstehe das als "Ritterschlag". An diesem Tag lernte ich völlig andere Menschen kennen. Die Schweden taten Dinge und strahlten Lebensfreude auf eine Art aus, die ich ihnen niemals zugetraut hätte. Ich habe den Tag mit etwa 40 Schweden (von denen ich 2 kannte) in jeder Minute genossen. Die wohl typischen Midsommar-Spielchen trafen genau meinen Humor und das gefiel wohl auch meinen Gastgebern (vielleicht hatten sie mit einem deutschen Besserwisser und Spielverderber gerechnet) und entsprechend lustig war das ganze. Einem Klischee will ich an dieser Stelle auch widersprechen: JA, es wurde Alkohol getrunken und NEIN, es hat sich keiner selbst das Licht ausgeknipst. Es war lustig, ohne meine Grenze des guten Geschmacks zu überschreiten. Meine Integration in die schwedische Kontaktwelt hat es auf jeden Fall gefördert. Ich habe eine sehr schöne, lustige und interessante Erfahrung in Schweden machen dürfen.

Die nächste folgte auf dem Fuße. Eine Woche später wurde die schwedische Urlaubszeit eingeläutet. Ich finde es bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit das Berufsleben von ON auf OFF geschaltet wird. 5 Wochen geht mal reinweg gar nichts mehr so, wie man es gewohnt wäre. Es gipfelte in dem kleinen wie bemerkenswerten Erlebnis, dass mein Ferien-Ersatz-Busfahrer (wohl einer aus der dritten Liga) auf dem Weg ins Büro sich mit dem Linienbus in der Stadt verfahren hatte. Man glaubt es kaum...

Ich habe die Sommerzeit hier bisher sehr genossen und das wird wohl noch eine Weile möglich sein. Meine Frau war ein langes Wochenende bei mir und wir haben einiges unternommen. Ich kenne inzwischen wohl jeden Quadratzentimeter auf den Inseln der südlichen Schären vor Göteborg, die sich per Fähre erreichen lassen. Eine Tour mit einem gemieteten Motorboot war genauso dabei wie ein Segeltörn mit einem Kollegen. Im Sommer macht dieses Land einfach mal richtig Spaß. Das ist dann wohl auch der Grund, warum die Schweden in ihrem Urlaub das Land meist gar nicht verlassen. Keiner meiner Kollegen ist weg geflogen, aber jeder hat natürlich sein Sommerhaus mit Boot irgendwo am Wasser - das gehört einfach dazu.
Unser Urlaub ist im September und mangels Sommerhaus fliegen wir in den Süden. Dort sollte auch nach der offiziellen Ferienzeit noch gutes Wetter sein und vor allem Ruhe. Ich brauche mal Urlaub vom Stadtzentrum.

Ich habe aber die Zeit auch genutzt, weitere Eindrücke über das schwedische "Inside" zu sammeln und mir so meine Gedanken darüber zu machen. Mir fiel auf, dass die Schweden scheinbar wesentlich entspannter mit der Krise umgehen. Auch hier kann man Elend sehen - Alkoholiker oder offensichtlich verwirrte Menschen, welche Mülltonnen nach Flaschen und Dosen durchsuchen. Aber "normalen" Menschen mit ernsthaften Existenzängsten bin ich nicht begegnet und wenn man nachfragt, ob sich jemand über möglichen Job- und Statusverlust sorgt, bekommt man eigentlich nie ein JA zu hören. Während in Deutschland die Angst vor Hartz4 in der so genannten Mittelschicht extrem verbreitet ist, können hier die meisten gar nicht so genau sagen, was eigentlich passiert, wenn man seinen Job verliert und lange keinen neuen findet. Sie haben diese Möglichkeit schlicht nicht auf ihrer Liste.
Über meine positiven Beobachtungen zum Thema Kinderbetreuung, Schulsystem und Elternfreundlichkeit (der Staat darf freundlich zu Eltern sein, dann sind die es auch zu ihren Kindern) habe ich ja bereits im ersten Fazit geschrieben. Diese Beobachtungen werden ständig bestätigt und bestärkt. Überhaupt scheinen die Schweden generell eher bereit zu sein, prinzipiell sinnvolle Dinge zu tun, auch wenn sie für sich allein "sich nicht rechnen". Man ist oftmals besser darin, die Dinge als "großes Ganzes" in einem Kontext zu sehen. Als Beispiel nehme ich gern den Nahverkehr der Stadt: Super organisiert, preiswert und zuverlässig bin ich dennoch überzeugt, dass Västtrafik ein Subventionsgeschäft sein muss. Aber es macht eben Sinn, Fähren zum City-Tarif auf die Inseln fahren zu lassen und Busse auch zu kurzen Intervallen in entlegene Stadtviertel zu schicken, weil die Stadt sonst in Smog und Blech und die See im Dreck und Lärm ersticken würde.
Auch eine vernünftige Ganztags-Kinderbetreuung kann sich finanziell nicht rechnen, "gesamt-gesellschaftlich" aber schon. Deshalb gibt es das in Schweden während unsere Ministerin Schröder über den Rechtsanspruch für einen Betreuungsplatz schwadroniert und sich dabei die Geldbörse zunäht. Ein Stück aus dem Tollhaus... das Lachen bleibt einem im Halse stecken.

Ich komme am Ende zu dem Schluss, dass die Schweden mit ihrem Wort "Lagom" wohl eben auch meinen, dass es nicht so übel sein kann, wenn man in allen Dingen "angemessen" gut ist - die böse deutsche Zunge nennt das gern verächtlich "mittelmäßig". Die Deutschen wollen gern "Spitzenklasse" sein und rühmen sich für die Momente, wo sie es sind - und ignorieren, dass sie aus diesem Grund an anderen Stellen "grottenschlecht" daher kommen. In Deutschland werden die höchsten Leuchttürme gebaut, auch wenn offensichtlich ist, dass die Dunkelheit an deren Fuß umso größer ist, je höher man baut. In Schweden ist es eher wichtig, dass überall ein wenig Licht leuchtet. Der geneigte Leser darf sich hier selbst ein Urteil bilden, was besser ist. Ich bin noch in der Meinungsbildung, auch wenn ich eine Tendenz bei mir bereits beobachte...

So, das soll jetzt das Fazit des zweiten Drittels gewesen sein. Vielleicht etwas weniger pointiert, aber wieder frei von der Leber weg geschrieben. Das letzte Drittel wird nun auch vom "wie weiter" geprägt sein, denn mein alter Arbeitsplatz in Deutschland hat sich inzwischen in Luft aufgelöst und ein neuer ist noch nicht gefunden. In Schweden zu bleiben ist möglicherweise eine Option, aber nicht meine bevorzugte. Es gibt sicher eine Menge Dinge, die ich in Deutschland gern anders sehen würde und meine Hoffnung, dass sich Dinge ändern, schwankt manchmal sehr. Aber ich lebe dennoch gern dort. Allerdings komme ich immer öfter ins Grübeln über die Dinge, die so um einen herum passieren und Erkenntnisse sind manchmal schmerzhaft. Aber sie haben auch etwas gutes. "Die Wut wird größer, aber die intellektuelle Verwirrung lässt nach." (Lothar Dombrowski)

Wir werden sehen, wie es weitergeht.

Bis in 6 Monaten...!


- Teil 1
- Teil 3

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Wenn der Klügere immer nachgibt, regieren die Dummen...


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 Betreff des Beitrags: Re: Das zweite Drittel ist rum - Fortsetzung der Fazit-Trilogie
BeitragVerfasst: So, 15 Aug, 2010 11:17 
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super, schöner bericht, wünsche dir viel spaß beim letzten drittel und freue mich auf teil 3 :-)

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 Betreff des Beitrags: Re: Das zweite Drittel ist rum - Fortsetzung der Fazit-Trilogie
BeitragVerfasst: So, 15 Aug, 2010 11:19 
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Freut mich, wieder von dir zu lesen :D Herrlicher Schreibstil, den du hast :D Am meisten freut es mich natürlich, dass du dich gut erholt hast nach deinem Nierenstein, man glaubt nicht, was so ein "kleines" Etwas verursachen kann, bevor man es nicht selbst erlebt hat :?
Ich habe gerade auch wieder einen herrlichen schwedischen Sommer hinter mir, aber genau so einen herrlichen schwedischen Winter (nur eben schon etwas länger her ;-) ) mit einem ganz kurzen Frühling dazwischen und erwarte jetzt mal ganz bescheiden wieder einen unvergesslich schönen Herbst mit seinen Aktivitäten rund um :D
Noch eine Woche Sommerferien, dann hat die Bumme- und Gammelei wieder ein Ende und hurraaaaaaaaaaaaa, der schwedische Alltag hat uns wieder :D
Freue mich auf deinen 3. Teil und bin gespannt, wie es für dich arbeitstechnisch ausgehen wird...

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hälsningar
Lis
Das wahre und sichtbare Glück des Lebens liegt nicht ausser uns, sondern in uns. - Johann Peter Hebel


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 Betreff des Beitrags: Re: Das zweite Drittel ist rum - Fortsetzung der Fazit-Trilogie
BeitragVerfasst: Mo, 16 Aug, 2010 0:36 
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:perfekt: :bravo: - danke!

Hexenhäuschen


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 Betreff des Beitrags: Re: Das zweite Drittel ist rum - Fortsetzung der Fazit-Trilogie
BeitragVerfasst: Mo, 16 Aug, 2010 20:34 
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Hej,

wirklich wunderschön, wie Du Deine Eindruecke beschreibst. :YYBC:
Und dass Du Lothar Dombrowski oder besser: Georg Schramm zitierst, rundet die Sache wirklich ab. Dombrowski bringt viele Dinge auf rhetorisch meisterhafte Weise auf den Punkt!!

Vielen Dank dafuer!!! :cool!:

_________________
Bild Eva

Inget formar framtiden såsom drömmen (Victor Hugo)

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 Betreff des Beitrags: Re: Das zweite Drittel ist rum - Fortsetzung der Fazit-Trilogie
BeitragVerfasst: Mo, 16 Aug, 2010 23:35 
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Gaaanz toller Bericht! Vielen Dank! :perfekt:

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Tjingeling!
Annika


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 Betreff des Beitrags: Re: Das zweite Drittel ist rum - Fortsetzung der Fazit-Trilogie
BeitragVerfasst: Mi, 18 Aug, 2010 23:00 
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Beiträge: 40
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Toller Bericht, sehr nett geschrieben. Ich habe jetzt innerhalb von 5 Minuten die zwei Texte, deren Erfahrungen 6 Monate auseinanderliegen, gelesen und fand sie sehr interessant (auch im Vergleich zueinander). Bin schon auf den dritten Teil gespannt.


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