Vielleicht ein wenig zu früh, aber ich wage es trotzdem...
Ein Hinweis gleich vorweg: Ich erhebe hier keinesfalls den Anspruch der Objektivität, wer ist schon objektiv in einem Forum...
Ich schreib einfach "von der Leber weg".
Mein erstes Fazit nach 6 Monaten leben und arbeiten in GöteborgAus der Erfahrung anderer längerer Auslandsaufenthalte weiß ich, dass man dabei durch eine Akzeptanzkurve geht. Nach einem Hoch a'la "fühlt sich an wie Urlaub" kommt ein ausgeprägtes Tief, wenn das Urlaubsgefühl geht und das Heimweh bleibt. Wenn man da durch ist, fühlt man sich wie "ich find mich hier zurecht und es ist kein großes Problem mehr". Das ganze braucht Zeit und ist nur mäßig zu beeinflussen. Im Moment bin ich wohl im "Tal des verflogenen Urlaubsgefühls" - meine Familie ist ja nicht hier bei mir.
Vielleicht nicht der beste Moment für ein erstes Fazit, aber ich bemühe mich um wenig Emotionalität.
Das Forum ist "für Schwedenfans"... aber was begeistert an Schweden? Man sollte hier präziser sein.
Die Natur
Uneingeschränkt kann ich das für die Natur sagen. Die ist traumhaft und die relativ dünne Besiedelung des Landes wird helfen, dass es noch lange so bleibt. Ich kann also jedem Naturliebhaber nur raten, hier Urlaub zu machen. Es ist wunderschön und hat zu jeder Jahreszeit seine Reize. Ich lebe zwar in der Stadt, hab aber viele freie Zeit dafür genutzt, die Natur zu genießen.
Ich bin ja vor meiner Entsendung hierher schon oft und länger dagewesen - der Sommer ist sicher das schönste. Aber gerade der aktuell schneereiche und kalte Winter ist toll, wenn man z.B. auf den Schäreninseln vor der Nordseeküste unterwegs ist.
Das Land
Wenn damit das tägliche Leben in der schwedischen Gesellschaft gemeint ist, muss ich leider verkünden - das Paradies ist es nicht (wer erwartet das schon). Die hiesige Gesellschaft funktioniert ANDERS als unsere Deutsche (wie in allen Ländern, die ich bisher kennenlernen durfte). Ich würde nicht sagen wollen, sie funktioniert BESSER. Solche Vergleiche hinken immer und ich vermeide sie deshalb gern. Allerdings begegne ich in Deutschland immer wieder Leuten, die Schweden für die IDEALE Gesellschaft halten - deshalb diese Bemerkung.
Das Leben in der schwedischen Gesellschaft ist sehr stark mit geschriebenen und vor allem ungeschriebenen Regeln und deren unbedingter Einhaltung verbunden. Die geschriebenen sollte man sich einprägen. Wer die ungeschriebenen (noch) nicht kennt, hat einige Probleme, ohne blaue Flecke durch den Alltag zu kommen (meine sind inzwischen weitgehend wieder abgeklungen). Außerdem basiert das Leben hier sehr stark auf Anpassung und Konformität. Jantelagen trifft wohl den Kern...

Der Hang zum Ego-Individualismus nimmt in Europa nach Süden hin zu - je mehr man also "nord-italienischer" Herkunft ist, umso mehr wird es einem beengt vorkommen. Als "Ex-Ossi" aus Süddeutschland hat mich hier manchmal ein Déjàvu nach dem anderen gejagt.
Man kann aber zurecht kommen, wenn man bereit ist, sich anzupassen. Inzwischen habe ich längst eine Personnummer (und kann sie sauber und auswendig in schwedisch aufsagen), eine schwedische ID Kort und ein schwedisches Bankkonto. Ich kann mein "Benehmen" auf Schweden-Modus umschalten... so kommt man durch die Zeit ohne noch merklich anzuecken.
Die Menschen
Ja, die Schweden... Sie passen perfekt in ihre Gesellschaft. Wen kann das überraschen, sie haben diese ja selbst entworfen.
Sie sind zurückhaltend freundlich - zu freundlich, um meine Bemühungen, Schwedisch zu lernen, wirklich zu unterstützen. Wenn ich meine bescheidenen Kenntnisse versuche einzusetzen, kommt sofort ein
"You can speak English, that's OK!" Ich muss dann darauf verweisen, dass ich aus Deutschland komme und kein Englisch spreche. Das stimmt zwar nicht - ich spreche es wenn nötig sogar im Traum - aber es entspricht genau der stereotypen Vorstellung der Schweden über die Deutschen -
"ja genau, die Deutschen können ja alle kein Englisch, dann eben doch schwedisch". Oftmals kann mein Gegenüber aber Deutsch und dann hab ich verloren. Mein Schwedisch-Training kommt also nach wie vor aus meinen Einzelunterricht mit einer Schwedisch-Lehrerin und der Zeitung sowie dem Fernsehen.
Es ist mir aber nach 6 Monaten noch nicht gelungen, ernsthafte soziale Kontakte in meinem Privatleben hier zu knüpfen. Die Sprache kann ich nicht als Grund dafür gelten lassen, denn ich sprach damals auch weder Tagalog (Filippino), noch Bahasa Malay oder argentinisches Spanisch... aber nach 6 Monaten hatte ich in jedem dieser Länder einen Sack voll Bekanntschaften, mit denen man prima z.B. Wochenend-Aktionen erleben konnte. Das machte die Zeit dort sehr angenehm.
Nicht so hier - die Schweden sind derart kontaktscheu, dass man Bücher drüber schreiben möchte. Neulich in der kostenlosen Zeitung METRO las ich eine Einladung zum Speed-Dating ausschließlich zum Knüpfen von Freundschaften - da will man sich schon fast auf die Schenkel klopfen.
Ich habe versucht, in Erfahrung zu bringen, wie das mit dem Bienen und den Blumen hier eigentlich zustande kommt - Kollegen kann man ja durchaus bei einer Fika mal fragen, denn sie geben dieses angeborene Kontakt-Manko der Schweden durchaus zu. Die Antwort: Internet! Aber natürlich gibt es das noch nicht so lange... was war vorher?
Am Ende mehrfacher Diskussionen kam ich zu dem Schluss, dass die meisten Schweden ihren Freundeskreis in Kindheit und früher Jugend, vielleicht auch noch beim Studium finden und danach behalten, da man selten weit weg umzieht. Wo will man auch hin... so viel Möglichkeiten gibt es für Berufstätige hier nicht. Jenseits der 20 scheint man daher kaum noch Interesse an der Erweiterung seines Freundeskreises zu haben. Ausländer (oder Expats, wie ich hier gern genannt werde) haben da schon gar keinen Platz.
Letzte Woche gelang es mir erstmals, einen Kollegen für ein Feierabend-Bierchen zu begeistern - ein triumphales Gefühl, das kann ich Euch sagen.
Ich werde nun inzwischen von Freunden und Bekannten daheim immer wieder gefragt, ob wir denn jetzt nach Schweden auswandern möchten. Ich lasse das immer noch offen, aber meine Tendenz geht im Moment nicht dahin.
Als Urlaubsland ist Schweden toll und als Altersruhesitz vielleicht auch (das Thema ist für mich noch zu weit weg, um drüber ernsthaft nachzudenken). Als Ort für erwerbstätiges Leben bin ich aber sehr skeptisch. Zu sehr stört mich die Unfähigkeit der Schweden, mit ihrer Umwelt in einem Maß zu interagieren, welches ich persönlich und meine Familie für ein glückliches Freizeitleben brauchen würden.
Ich habe hier sehr nette Kollegen, die ich ja teilweise schon lange Zeit vor meiner Entsendung kannte. Aber zwischen Kollegen und Menschen, mit denen man auch private Zeit teilt, besteht hier ein enormer Unterschied. Rein "private" Kontakte zu Schweden habe ich bisher keine nennenswerten knüpfen können, obwohl ich es durchaus versuche und mich bisher nicht für kontakt-unfähig hielt. Kontakte zu anderen Nicht-Schweden in meiner Situation sind allerdings kein Problem, da kann man sich dann gegenseitig von seinen misslungenen Versuchen erzählen.
Ich bin gespannt, ob sich das in den verbleibenden 12 Monaten ändern wird.
So - um mit Eishockey-Sprache zu sprechen (ein Hoch auf die Frölunda Indians) - das erste Drittel ist rum. Das soll mein Fazit dazu gewesen sein.
Viel Spaß nun Euch allen beim Kommentieren.
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Teil 2-
Teil 3