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 Betreff des Beitrags: Schweden Sommer...
BeitragVerfasst: Fr, 05 Aug, 2005 18:19 
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Schweden-Sommer:
Feriengrüße von Familie Elch

VON ANITA ERICSON (Die Presse) 05.08.2005 18:02

Die Volvos und Saabs sind schon zu Sommerbeginn in kollektiver Flucht aus den Städten verschwunden - zum Wald-Meer-See-Einsamkeits-Urlaub bei Pippi und Familie Elch.








Sommerzeit ist Auszeit in Schweden. Die Städte sind wie ausgestorben, Dörfer und Weiler bevölkern sich, die Schotten der Büros sind dicht, die Läden der Sommerhäuser aufgerissen. Voll gepackt mit Johannsons und Bergströms, mit ihren Schwimmsachen, Gummistiefel und der schwedischen Fahne sind die Volvos und Saabs aus dem urbanen Weichbild verschwunden. Wer kann, hat sich schon zu Sommerbeginn in die Natur abgesetzt.
sLandauf, landab harrt man der Sonne und hält im Notfall die segensreiche Erfindung des Heizstrahlers parat, der praktisch jede Terrasse zwischen Kiruna und Bornholm bestückt - ihr Sommerglück lassen sich die Schweden vom Wetter nicht vermiesen.



Anna Blomqvist sitzt auf der Veranda ihres schnuckeligen Ferienhauses. "Stell dir vor, Lars," echauffiert sie sich, "am See war es am Nachmittag so was von voll, dass wir gleich wieder abgehauen sind". Angesichts des Gedränges, das die fünf Leute am Badeplatz verursacht hatten, ist Anna der kalte Schweiß ausgebrochen, schnell hat sie ihre Kinder gepackt und schleunigst das Weite gesucht.


Schweden ist, in gewisser Hinsicht, ein beneidenswertes Land: um ein Drittel größer als Deutschland und doch mit nur unwesentlich mehr Einwohnern gesegnet als Österreich. Sich gegenseitig auf die Füße zu treten, das toleriert man höchstens am Tanzabend.

Das Ferienhaus, die "Stuga", der Blomqvists liegt an einem kleinen See, dessen gegenüberliegendes Ufer sich in finsteren Nadelwäldern verliert. Knallgelb blühende Fünffingersträucher trennen den Garten von der Kräuterwiese, die zum Wasser führt. Helle Birken stehen zwischen den einzelnen Stugas, in Summe eine Hand voll, alle im gleichen Outfit. Diese Beschaulichkeit trägt den Namen Stavik und sie wiederholt sich, nur unwesentlich variiert in den Weiten Schwedens viele hunderte Mal unter immer anderem Namen.

Sie findet statt an einem der 96.000 Seen des Landes, die gemeinsam mit den Feuchtgebieten rund ein Fünftel der Landesfläche ausmachen, vorzugsweise mitten im Wald, der die Hälfte Schwedens bedeckt. Im Süden ist das Land flach und intensiv landwirtschaftlich genutzt, im Norden einsam, schroff und zum Teil gebirgig. Die Versuchung ist groß, soviel wie möglich von Schweden in einem Aufwaschen zu sehen, das Resultat allerdings sind tausende von zurückgelegten Kilometern ohne je richtig dort gewesen zu sein. Urlaub in Schweden, das bedeutet Ferien in einem Sommerhaus. Lassen Sie sich das von den Einheimischen gesagt sein.

Ein guter Platz innezuhalten, ist die goldene Mitte, konkret die Provinz Dalarna. Nirgendwo sonst hegt und pflegt man das Schwedentum mit so viel nostalgischer Akribie wie rund um den riesigen Siljan-See. Verwitterte Holzplanken, blumenberankte Gatter und Zäune, herausgeputzte Maibäume. Häkelvorhänge in den Fenstern, Lakritzefäden beim "Lanthandel." Im roten Schweden-Look: Wohnhäuser, Scheunen, Schuppen, Ställe. Die alten Gehöfte gehören heute indes nicht mehr Bauern oder Waldarbeitern, sondern Freizeitgästen aus der Stadt, Pendlern, Pensionisten und Gemeindeangestellten. Im hartnäckigem Bestreben, diese Idylle nicht verblassen zu lassen, streichen sie die hölzernen Balken ihrer Heime unablässig und in stets dem gleichen Rot.

Und erfinden damit das Klischee beständig neu: Es gibt kein anderes Land, das sich dermaßen über eine einzige Farbe definiert wie Schweden mit seinen falu-roten Häusern _ falu-rot nach der nahen Kupfermine von Falun, deren Abfallprodukte die Basis der charakteristischen Farbe sind.

Dalarna im Sommer, das sind auch Geigen- und Ziehharmonikaklänge, ächzende Bohlen unter wirbelnden Tanzbeinen und Sonnwendfeuer. Dazu die großartige Kulisse der hellen nordischen Nacht. Da darf man schon ein bisschen kitschig werden _ selbst Teenager mit gepiercten Nasen verfallen dem folkloristischen Zauber Skandinaviens und setzen sich selbst geflochtene Wiesenblumenkränze aufs Haupt.

Bei jedem Fest schwingt ein Hauch von Melancholie mit, in gewisser Hinsicht sind die Schweden dann wieder weniger zu beneiden: Auf jeden Sommer folgt gnadenlos der Winter. Und der ist so hoch im Norden kein Honiglecken. Für lange Monate verschwindet Fröhlichkeit hinter Düsternis und macht jener dunklen Stimmung Platz, der wir Mitteleuropäer eigentlich unsere erste Begegnung mit einem Elch (Jahre vor dem Elchtest) verdanken: Ikea wurde im Grunde genommen erfunden, den Winter zu kaschieren. Leinentischtücher, Kiefernholzregale und Blümchensofas als Fluchtmittel aus der trüben Realität. Diese Utensilien der kalten Jahreszeit verschwinden im Juli klarerweise nicht, und bei strahlendem Sonnenschein betrachtet, wirkt das Land dann an manchen Ecken gar ein wenig kitschig. Das passt aber zur Mentalität, die Schweden sind, ungeachtet ihres Rufs als Raufer, ein eher konservatives Völkchen.

Zurück zum roten Sommerhaus. Okay, das darf manchmal auch grau oder braun sein, Hauptsache die Fahne ist gehisst und das nächste Nass in Sichtweite. Das hat wahrscheinlich genau die richtige Temperatur: warm genug, um ohne zu zögern hineinzuspringen, kühl genug, um erfrischend auf der Haut zu prickeln. Baden, planschen, paddeln, segeln, surfen, angeln.

Wenn der schwedische Sommer loslegt, ist er von einer wunderbaren Intensität, mit Temperaturen jenseits der dreißig Grad. Hält er sich hingegen zurück, packt man eben seine Öljacke aus und stapft durch den Wald auf der Suche nach Pilzen. Die Kinder werden ausgeschickt, mit dem Rad vom nächsten Bauern Milch zu holen, bei der Rückfahrt pflücken sie am Wegesrand "smöltron", Walderdbeeren, und reihen sie nach schwedischer Sitte auf einen Grashalm. Sie gehen "plocka blåbär", Heidelbeeren pflücken, und wetteifern um die blaueste Zunge, den blauesten Mund. In der Nacht lauern sie in kleinen Lichtungen Elchen auf oder pritscheln mit den Nachbarskindern im See. Im Sommer haben sie Narrenfreiheit rund um die Uhr. Keine Frage: Bullerbü lebt.





Gruß Kalle

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BeitragVerfasst: Fr, 05 Aug, 2005 18:26 
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Beiträge: 1312
Hej Kalle,
trifft den Nagel auf den Kopf; sehr schöner Schreibstil

:YYAC:

Willi

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Nein, ich führe keine Selbstgespräche
Ich muss ein Problem lösen und brauche eine Expertenmeinung


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: Fr, 05 Aug, 2005 20:16 
Sehr schön, Kalle!!!

@Willi: Der Spruch unter Deinen Beiträgen könnte glatt von mir sein.

Grüße von Eva.


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: Fr, 05 Aug, 2005 21:52 
Hej Kalle,

das war ja sehr schön, da war man beim lesen ja schon wieder in Schweden mit dabei.
Und das fernweh kam auch mit mächtigen Schritten angerannt.

Danke für den schönen Text.

LG Anke


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