Na ja, mit der Entlohnung ist es halt nichts geworden. Aber die Erfahrungen, die Julia macht, sind doch unter dem Strich viel mehr wert! In der internationalen Schule, die ihre erste Station war, unterrichtet sie nach wie vor an zwei Wochentagen Musik, Kunst und Deutsch. An der Adolf Fredricks Skolan herrscht jetzt Vorweihnachtsstress. Vorbereitung auf das große Ereignis, das alljährliche Luciakonzert im Globen. Niemand hat Zeit oder Lust, sich mit Julia zu befassen, es herrscht sogar eine eher abweisende Atmosphäre, ein Verhalten, das sich gegenüber einer aufgeschlossenen und außerdem sehr qualifizierten Praktikantin nicht gehört. Man ist sich des eigenen Elitestatus bewusst und lässt dies die Fremde spüren. Die Musiklehrer dort sind auch keine einfachen, normalen Musiklehrer, nein, es handelt sich ausschließlich um Spitzenmusiker oder Dirigenten, die schon bekannt sind und Konzerterfolge aufzuweisen haben. Außerdem wundert Julia sich sehr, dass sie noch nirgendwo Instrumentenunterricht gehört oder gesehen hat. Es wird nur immer gesungen, gesungen, gesungen. Jede Klasse singt jeden Tag erstmal obligatorisch meist die gleichen Lieder. Dabei und in der Schule überhaupt geht es ungeheuer straff, diszipliniert und geradezu militärisch zu. Nun gut.
Inzwischen hat sie sich für den Dezember an einer anderen Musikschule beworben, um noch mehr kennenzulernen. Ich weiß noch nicht, ob das klappt. In der Freizeit hat sie versucht, mit anderen jungen Leuten etwas Musik zu machen und bei einem "Song- and Poetryslam" aufzutreten. Der Veranstalter ist ein Mitbewohner von ihr. Zu ihrer Vermieterin, einer Englischlehrerin namens Britt, hat Julia inzwischen eine recht freundschaftliche Beziehung. Irgendwann hat sie jetzt auch ihren Interviewtermin mit einem schwedischen Schulpolitiker über Fragen des schwedischen Schulsystems. Das hat der Leiter der Adolf Fredricks Skola vermittelt. Immerhin etwas!
Sehr freut sich unsere Tochter aber darüber, dass sie jetzt Anschluss an einen kleinen, zehnköpfigen Chor gefunden hat, der sie zum Mitsingen eingeladen und auch gleich gefragt hat, ob sie nicht die Lucia sein möchte.
Der Chor wünscht sich außerdem, dass Julia dann als Solo ein deutsches Weihnachtslied vorträgt. Ich habe ihr eine Liste mit Liedern geschickt. Sie hat sich für "Leise rieselt der Schnee" entschieden. Die faule Socke, die! Das Lied hat nur drei Strophen!

Ich hoffe ja, dass sie dabei den Kopf mit der Krone und den brennenden Kerzen darauf ruhig hält. Das Lied fördert dies eigentlich, aber sie ist von ihren sonstigen Jazz- oder Rockauftritten her eher gewohnt, sich auf der Bühne auch passend zur Musik zu bewegen und zwischen den Strophen zu lächeln. Aber ein deutsches Weihnachtslied ist ja eine ernste und feierliche Sache.
