Hej!
Dieses Thema hat nicht direkt etwas mit Schweden zu tun, aber ist interessant für alle, die studieren, die zukünftig (z.B. Skandinavistik) studieren wollen und im Prinzip auch sonst alle. Das „Warum“ möchte ich später versuchen ein wenig deutlich zu machen. Der Beitrag ist zwar ziemlich lang, aber ich bitte euch dringend ihn dennoch durchzulesen!
Erklärung vorneweg: Dies soll kein Partei-Politischer Beitrag sein! Die Problematik besteht unabhängig von jeder Partei. Da aber gerade CDU/FDP hier in NRW die Politik bestimmen, wird des öfteren deren Name fallen. Hätte eine andere Parteien den anzusprechenden Koalitionsvertrag vorgelegt, wären es deren Namen gewesen. Ich distanziere mich von jeglicher Befürwortung irgendeiner Partei in diesem Beitrag, da es hier um Inhalte und nicht Parteien an sich geht, sollte es dennoch an einzelnen Passagen anders erscheinen, ist dies unbeabsichtig.
Studiengebühren
Wie ihr (aus NRW) ja hoffentlich mitbekommen habt, sieht die neue Landesregierung NRW für das Sommersemester 2006 die Einführung von Studiengebühren in Höhe bis zu 500€ bereits für das Erststudium für jedes Semester vor. Die meisten anderen CDU-geführten Länder wollen nachziehen, weshalb das hier nicht nur NRWler betrifft. Laut Tagesthemen sind es gerade mal VIER Bundesländer, die nicht direkt betroffen sein werden. Da diese Studiengebühren in Koppelung mit der bereits begonnenen Hochschulreform recht problematisch sind, möchte ich hier einfach ein wenig über einige Facetten informieren und vielleicht auch mit einigen gängigen Vorurteilen aufräumen, bzw. diese zur Diskussion stellen, da wir (d.h. die Studenten der Uni Köln, die in Aufklärungs- und Protestaktionen an die Mitbürger zu Gesprächen und Diskussionen herangetreten sind) leider festgestellt haben, dass viele kaum informiert, kaum mit der Problematik vertraut oder sogar erstaunlicherweise absolut desinteressiert waren, obwohl viele davon Kinder/Jugendliche bei sich hatten/bzw. selbst Schüler waren, die u.U. in Kürze selbst studieren wollen.
Diese 500€ Studiengebühren sollen von den Hochschulen selbst erhoben werden dürfen, man redet auf politischer Seite also von einer Kann-Regel. Diese wird allerdings zur Farce, wenn man den Blickwinkel darauf erweitert, dass gleichzeitig 30 Mio. vom Landesetat den Hochschulen gestrichen werden sollen. Da die Hochschulen eh schon chronisch unterfinanziert sind, bleibt ihnen also gar nichts anderes übrig, als diese Gebühren zu erheben, um überleben zu können! Im Koalitionsvertrag von CDU/FDP, der vor wenigen Tagen vorgelegt wurde (im Netz einsehbar) steht ebenfalls als KANN formuliert, dass diese Studiengebühren nachgelagert zurückgezahlt werden können. Es bleibt schwammig, ob es die Hochschulen sein sollen, die diese Option einräumen oder diese Entscheidung beim Land liegt. Da aber die Hochschulen ebenfalls ökonomisiert werden sollen („Sie [die Hochschulen] werden jedoch keine staatlichen Anstalten mehr sein“, „Zur Erfüllung ihrer Aufgaben können Hochschulen Unternehmen gründen“), liegt es nahe, dass die Entscheidung bei ihnen liegt. Wie bereits erörtert, sind die Hochschulen (u.a. nach Aussage des Kölner Rektors) chronisch unterfinanziert, was bedeutet, dass sie in Hinblick auf die Kürzungen durch das Land SOFORT Geld brauchen. Aus dieser Überlegung heraus ist der Satz des Koalitionsvertrages „Wer Studienentgeld zahlt, muss im Gegensatz gute Studienbedingungen vorfinden“ schon nicht mehr möglich. Es handelt sich ja bloß um eine Umverteilung der Gelder und dem Herausziehen der staatlichen Verantwortung aus den Hochschulen. Das Vorurteil Nr.1, die Hochschulen hätten nachher mehr Geld und könnten so ein besseres Studium anbieten, ist somit widerlegt.
500€ Studiengebühren, fällig zu jedem Semester, sind für viele allerdings ein finanzielles Desaster. Rechnet man das auf 6 Monate (1 Semster) um sind es knapp 85€, die ein Student, der sowieso schon arbeiten gehen muss, um sich sein Studium finanzieren zu können, zusätzlich erwirtschaften muss. Wenn man dann noch einberechnet, dass Wohnungen (zumindest hier in Köln) beinahe unverschämt teuer sind, Lebensmittelkosten, Bücher, Schreibmaterialen, Kopien und ab und an mal weggehen dazukommen (es handelt sich meines Erachtens übrigens um ein Vorurteil, dass Studenten immer nur feiern gehen und ansonsten faul sind. Auf das Gros meines Kommilitonen-Bekanntenkreises trifft das zumindest in keinster weise zu. Und Ausnahmen sollten nicht für die Mehrheit herangezogen werden) und es eine 400€ Grenze was Steuerfreistellung angeht gibt, man also noch wesentlich mehr arbeiten gehen müsste, um wirklich mehr Geld herauszubekommen, stellt sich langsam die Frage, wann denn der arbeitswütige „Student“ noch studieren soll?? Studium bedeutet ja nicht nur, dass man Anwesenheitsstunden an der Uni hat, sondern dass MINDESTENS die gleiche Zeit noch einmal zu Selbststudienzwecken genutzt werden muss, um von einem erfolgreichen Studium sprechen zu können. Durchschnittsanwesenheitsstunden sollten 18 Semesterwochenstunden sein.
Hier möchte ich eine kleine Exkursion zur Pisa-Studie unternehmen. Es wurde in den letzten Jahren von allen Seiten immer wieder betont, dass man Bildung in Deutschland fördern müsse, dass das Abschneiden im Test beinahe eine Schande, ein Skandal sei. Jetzt frage ich mich, wie man seitens der Politik Bildung fördern und den Bildungsstand Deutschlands verbessern will, wenn man erstens: sich aus der Bildung zurückzieht und weitere Gelder streicht für die dann Studenten aufkommen sollen, die es sich aber nicht leisten können, es sei denn sie haben zahlungsstarke Eltern hinter sich stehen, zweitens die Gefahr in Kauf nimmt, dass die Lehrer von morgen (!) mehr auf ihr Portemonnaie achten müssen, als dass sie ihr Studium qualitativ absolvieren. Mittelmäßige Lehrer von morgen können doch auch keine qualitativ hohe Bildung an Schüler weitervermitteln? Und drittens: wie will man den Bildungsstand verbessern, wenn man einen großen Teil des sozial nicht so hoch stehenden „Potentials“ von vornherein vor einem Studium abschreckt, weil sich die Schüler von heute sicherlich zweimal überlegen, ob sie studieren möchten, wenn sie keine 500€ aufbringen können oder dies nur sehr problematisch oder bei der nachgelagerten Variante befürchten müssen, nachher mit einigen Tausend € Schulden aus dem Studium zu gehen (BAföG-Studenten sollen zwar nicht zahlen, aber ist es auch nicht besonders leicht eben solches zu erhalten, und viele fallen so gerade aus dem Raster... können nicht zahlen, werden aber auch nicht freigestellt. Und momentan gibt es KEINE Pläne oder Ansätze, zumindest keine veröffentlichten, die ein sozialverträgliches System behandeln, wenn es überhaupt so etwas wie sozialverträgliche Studiengebühren gibt! Siehe dazu das Infomaterial des Aktionsbundes gegen Studiengebühren –ABS -Argumente gegen Studiengebühren auf deren Homepage
www.abs-nrw.de )?
Das Argument, dass der unbedarftere Steuerzahler das Studium eines Studenten mitfinanzieren muss und von daher schon soziale Ungerechtigkeit besteht, ist nur zu Teilen richtig, da die Perspektive auf das NACH dem Studium außen vorgelassen wird. Ein Akademiker hat idR einen besseren Lohn, zahlt daher ja auch viel mehr Steuern, nach seinem Studium, d.h. er finanziert durch diese hohen Steuern, wenn man will, ja sein Studium eh schon nachträglich nach. Aber eine etwas ausdifferenzierte Erläuterung gibt es ebenfalls unter
www.abs-nrw.de .
Es schließt sich folgende Problematik an den vorletzten Abschnitt an: Das Land versucht durch diese Politik Gelder zu sparen. Viele Studenten werden aber das Studium abbrechen müssen. Man kann sich vorstellen, dass ein abgebrochenes Studium sich nicht gerade gut im Lebenslauf macht, zumal ja jede freie Stelle so oder so heiß umkämpft ist. Die Folge sind vermutlich eine hohe Zahl von arbeitslosen Studienabbrechern, die dem Steuerzahler zur Last fallen werden, weil sie in Umschulungsprogrammen untergebracht werden müssen oder ihnen HartzIV droht. Dazu kommen wahrscheinlich noch einige Professoren, da ja weniger Studenten auch weniger Professorenstellen nötig machen.
Daran schließt sich eine zu befürchtende Verringerung der Fächervielfalt an. Der Rektor der Kölner Uni sagte auf der Vollversammlung zwar „Niemand hat vor Studiengänge zu schließen“, aber warum kommt mir da nur dieser berühmte Satz in den Sinn: „Niemand hat vor eine Mauer zu bauen“. An sich könnte man ja sagen, dass es weit hergeholt wäre, aber man muss beachten, dass erst vor wenigen Monaten das Fach Indologie trotz internationaler Bitten dagegen eingestellt wurde. Das würde dann wirtschaftlich nicht so „rentable“ Fächer treffen und darin v.a. die kleinen – wobei ich den Bogen nochmal zum Forum geschafft hätte: In den meisten Uni ist Skandinavistik ein sehr kleines Fach....
Umstellung Bachelor/Master
Dazu möchte ich mich doch erstmal nicht mehr äußern, da der Beitrag eh schon viiiieeel zu lang ist... Nur eins: es erfolgt eine Umstellung auf ein im Ausland und in der Wirtschaft gar nicht mal gut angesehenes System mit der Folge der Verschulischung des Studiums (Eigenstudium nicht mehr einkalkuliert, selbstständiges Arbeiten wird nicht mehr primär, wenn überhaupt noch vermittelt, es bleibt keine Zeit neben dem Studiums arbeiten zu gehen, um sich sein Studium selbst finanzieren zu können (das sagt selbst der Prorektor der Uni Köln), was in letzter Instanz heißt: Nur Leute können studieren gehen, deren Eltern es sich erlauben können, sie während der Zeit des Studiums voll mitzufinanzieren.)
Streik
Die Uni Köln befindet sich mit derzeit 3 Fakultäten und dem Fachbereich Bio im Streik. Andere Hochschulen NRW ziehen vermutlich nach. Zum Thema Streik sind einige Erklärungen notwendig. Streik heißt: Boykott der Lehrveranstaltungen, NICHT um frei zu haben, sondern um Zeit zur Planung und Durchführung von öffentlichkeitswirksamen Protest- und Aufklärungsaktionen zu gewinnen. Das Studium und der Lernbetrieb werden NICHT komplett eingestellt, so finden heiklere Kurse weiterhin statt, die Bibliotheken sind uneingeschränkt wie üblich geöffnet und verschiedene Kurse werden einfach in die Öffentlichkeit (z.B. auf viel-frequentierte Plätze, um auf die Situation aufmerksam zu machen) oder weg von den verbarrikadierten Gängen ins Freie verlegt. D.H. es wird NIEMAND daran gehindert, sich weiterhin zu bilden. Möchte man sich nicht an den Streikaktionen beteiligen, kann man sich ebenso einfach in die Bibliothek setzen und den Stoff selbst erarbeiten (wozu ein Studium ja eh befähigen soll!!)
Viele Dozenten sind im Übrigen in gewichtigen Punkten unserer Meinung.
Der Streik sollte als „letzter Ausweg“ gesehen werden. Versuche, in eine Diskussion mit den verantwortlichen Parteien zu gelangen, schlugen fehl. Erst letzten Dienstag sahen es die Jungen Liberalen als nicht interessant/nötig an, die Argumente oder Forderungen der Studenten anzuhören, die in einem Protestmarsch zu ihrer Versammlung zogen. Als sie erfuhren, dass sie das Ziel des Marsches waren, flüchteten sie, obwohl keinerlei Aggression seitens der Studenten zu befürchten war. Selbst ein FDPler, mit dem ich bei einer dieser Aufklärungsaktionen ins Gespräch kam, fand dieses Verhalten unglaublich, da sie seiner Meinung nach wenigstens hätten zuhören müssen, ob Protestmarsch oder nicht.
Es ist übrigens nicht haltbar, dass angeblich etwa 95% der Studierenden FÜR Studiengebühren seien. Diese Zahl ergab sich aus einer einzigen Umfrage, in welcher die Option, dass man Studiengebühren komplett ablehne anzukreuzen, NICHT bestand.
WICHTIG
Man mag vom Streik halten was man will, viele sind auch dagegen und es wird sich morgen in der VV der Phil-Fak Köln zeigen, ob sie den Streik an sich aufrechterhält, aber erst dadurch waren die vielen Aktionen der letzten Woche möglich. Ausführlich berichtet die Presseseite des Streiks über die vergangen und kommenden Aktionen und die Reaktionen auf das Geschehen in der Presse (sind mittlerweile einige Berichte zusammengekommen und sogar Sat1 hat am Freitag in den 6Uhr-Nachrichten kurz über uns berichtet) Diese Aktionen sind größtenteils KEINE Demos, obwohl letzte Woche täglich eine durch Köln zog. Und selbstverständlich sind ALLE friedlich!
Da es aber nicht nur uns Studenten betrifft, sondern in gleichem Maße Schüler und deren Eltern, die ja vielleicht ihre Kinder irgendwie finanzieren müssen, genauso wie der Sozialabbau alle Schichten der Bevölkerung (außer vielleicht die ganz oben) betrifft, brauchen wir jede nur denkbare Unterstützung, gerade von den Schülern als künftigen Studenten.
Dieses Posting ist auch deswegen gemacht worden, um über die Möglichkeiten einer aktiven Beteiligung (gerne nach vorheriger Diskussion hier im Forum) an den verschiedenen Aktionen zu informieren und die riesen Bitte nach außen zu tragen sich nicht nur persönlich solidarisch zu erklären, sondern aktiv die Politik mitzugestalten, indem man seine Meinung kundtut. Das MUSS keine Beteiligung an Demos sein (was aber schön wäre), sondern kann genausogut ein Leserbrief in der Zeitung sein, das kann sich darin äußern, Infos weiterzuleiten und andere mit aufzuklären, das kann sich in eigens an z.B. Schulen geplanten Aktionen äußern etc etc
Gerade was die Bildungspolitik im Bereich Schule angeht, möchte ich noch eine Exkursion weg vom Studentenleben unternehmen:
Bildungspolitik im Bereich Schulen
Hier nur ein Aspekt:
Die neue Landesregierung hat vor ihrer Wahl versprochen, sicherzustellen, dass weniger Stunden ausfallen und die Versorgung an Lehrer gebessert werden solle.
Im Koalitionsvertrag steht nun, dass tatsächlich 4000 neue Lehrer eingestellt werden sollen. Das hört sich im ersten Moment gut an. Jetzt kann man sich aber beim Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik schlau machen, wieviele Schulen es in NRW wirklich gibt. Nach einer einfachen kleinen Rechenaufgabe, ist der „oh, das ist doch mal was“-Effekt schnell dahin. Es sollen also 4000 Lehrer eingestellt werden, ALLERDINGS das auf einen Zeitraum bis 2010. Jetzt hat das Land aber 6395 Schulen, davon allein beinahe 3451 Grundschulen, also allein an Grundschulen beinahe so viele, wie Lehrer eingestellt werden sollen. Auf die 5 Jahre gesehen würde also nichtmals jede Schule EINEN neuen Lehrer bekommen.

In der kommenden Woche gibt es daher gezielt Demos in Zusammenarbeit von Schülern und Studenten, sowie den Gewerkschaften und Sozialverbänden. Dazu muss gesagt werden, dass der DGB sich der Protestbewegung gegenüber solidarisch erklärt hat. Ich möchte in den hier anschließenden Postings auf wichtige Termine hinweisen und alle herzlich bitten, sic h zu beteiligen. Nächste Woche wird einiges in NRW los sein!
Ein paar wichtige Links in dem Zusammenhang:
www.radiocat.de (Termine und Berichte von vergangen sowie kommenden Aktionen und Demos, sowie ein Pressespiegel von Berichten über bereits gelaufene Aktionen)
www.lsvnrw.de (Seite der Landesschülervertretung NRW, die für kommenden Mittwoch die Schülerinnen und Schüler landesweit zur Demo nach Düsseldorf aufgerufen hat)
www.abs-nrw.de (Aktionsbündnis gegen Studiengebühren – hier gibts Infos übers Thema, sowie das angesprochene Blatt „Argumente gegen Studiengebühren“, ca. 24 Seiten.)
www.caesar.asta.uni-koeln.de/asta (Seite des Kölner AStA)
Viele Grüße und auf eine faire Diskussion!

Rumptifusel
PS: es sollte eigentlich kürzer werden
